Antwort: Epiktet lieferte die Gedanken zum Handbüchlein der Moral. Der römische Kaiser Lucius Flavius Arrianus, kurz Arrian, hörte die Vorlesungen Epiktets und stellte sie unter dem Titel Handbüchlein der Moral, kurz Encheiridion zusammen.
In diesem Beitrag geht es um den Sklaven Epiktet, der sich als Philosoph einen Namen machte und von zwei römischen Kaisern um Rat gefragt wurde. Sein Handbüchlein der Moral zählt auch heute zu den Klassikern der philosophischen LIteratur.
Der Stoiker Epiktet
Der Geburtsort des Sklaven und späteren Philosophen Epiktet liegt wahrscheinlich in Hierapolis (Phrygien), das heute zur Türkei gehört. Sein Geburtsdatum wird auf etwas 55 nach Christus geschätzt. In Rom war er Sklave von Epaphroditus. Nach Neros Tod Jahre erhielt Epiktet die Freiheit. Zunächst wurde er Schüler von Musonius Rufus und später selbst Lehrer. Wie einst Sokrates in Athen schweifte Epiktet in Rom umher und verwickelte die Bürger in philosophische Gespräche.
Vergleich zwischen Sokrates und Epiktet
Historischer und politischer Kontext
Sokrates lebte im demokratischen Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. Die Polis, also der Stadtstaat, war von öffentlicher Rede, politischer Beteiligung und intellektueller Auseinandersetzung geprägt. Gleichzeitig war diese Demokratie instabil und reagierte empfindlich auf wahrgenommene Bedrohungen, insbesondere nach dem Peloponnesischen Krieg.
Epiktet wirkte dagegen im Römischen Reich des 1. Jahrhunderts n. Chr., unter kaiserlicher Herrschaft. Anders als Athen war Rom kein Ort offener politischer Debatten, sondern ein autoritär geprägtes System, in dem Kritik am Kaiser gefährlich werden konnte, besonders unter Herrschern wie Domitian.
Verhältnis zur politischen Macht
Sokrates trat öffentlich auf und suchte das Gespräch mit Bürgern Athens. Seine Methode des Fragens konnte als Herausforderung bestehender Überzeugungen und Autoritäten verstanden werden. Letztlich wurde er wegen „Verderbens der Jugend“ und „Gottlosigkeit“ angeklagt und zum Tode verurteilt.
Epiktet diskutierte auch auf den Straßen, vermied aber die direkte politische Konfrontation. Als Stoiker lehrte er die innere Unabhängigkeit von äußeren Umständen. Dennoch geriet er indirekt in Konflikt mit der Macht, da Philosophen unter Domitian pauschal als potenziell subversiv galten und aus Rom verbannt wurden.
Lebensform und soziale Stellung
Sokrates war ein freier Bürger Athens, der ein einfaches Leben führte und bewusst auf materiellen Besitz verzichtete. Seine Armut war Ausdruck einer gewählten philosophischen Lebensweise.
Epiktet begann sein Leben als Sklave und wurde erst später freigelassen. Seine Philosophie war von der Erfahrung äußerer Unfreiheit geprägt. Die stoische Lehre von der inneren Freiheit erhält bei ihm eine Bedeutung, die sich aus seiner Versklavung erklären lässt.
Philosophie und Methode
Sokrates ist vor allem durch den sokratischen Dialog bekannt: eine Methode des Fragens, die Gesprächspartner zur Einsicht in ihr Nichtwissen führen sollte. Philosophie war für ihn ein öffentlicher, dialogischer Prozess.
Epiktet lehrte im Rahmen einer Schule und vermittelte eine bereits ausgearbeitete philosophische Tradition, die Stoa. Seine Methode war weniger dialogisch, sondern stärker praktisch orientiert. Im Zentrum stand die Einübung einer Haltung gegenüber dem (eigenen) Leben.
Umgang mit Verfolgung
Ein großer Unterschied zeigt sich im Umgang mit staatlicher Unterdrückung. Sokrates blieb in Athen, akzeptierte das Urteil des Gerichts und trank den Giftbecher. Für Sokrates war es wichtiger, seinen Anschauungen und den Gesetzen der Polis Athen treu zu bleiben, als sein Leben zu retten.
Epiktet hingegen wurde verbannt und setzte seine Tätigkeit an einem anderen Ort fort. Seine Strategie bestand darin, widrige äußere Umstände zu akzeptieren und sich anzupassen, wobei die innere Haltung gewahrt blieb. Statt Konfrontation wählte Epiktet die Fortsetzung seines Lebens unter veränderten Bedingungen.
Wirkung und Nachleben
Sokrates wurde durch seinen Tod zu einer symbolischen Figur der Philosophie: als Märtyrer der Wahrheit und des freien Denkens. Sein Leben ist vor allem durch die Dialoge seines Schülers Platon überliefert worden.
Epiktet wirkte vor allem durch seine Lehre weiter, die von seinem Schüler Arrian aufgezeichnet wurde. Sein Einfluss zeigt sich besonders in der späteren stoischen Tradition und in der praktischen Ethik.
Offene Konfrontation vs innere Haltung
Beide Philosophen verkörpern eine Spannung zwischen individueller Überzeugung und politischer Ordnung, reagieren jedoch unterschiedlich darauf. Sokrates steht für die offene Konfrontation im öffentlichen Raum und die Bereitschaft, dafür zu sterben. Epiktet steht für innere Unabhängigkeit und Anpassung an äußere Zwänge, ohne die eigene Haltung aufzugeben.
Domitian verbannt die Philosophen
Unter Kaiser Domitian setze eine Verbannung von Philosophen ein. Epiktet musste Rom verlassen. In der Stadt Nikopolis im Nordwesten Griechenlands gründete Epiktet schließlich seine eigene Schule, wo er Logik, Physik und Ethik unterrichtete, die drei Grunddisziplinen der stoischen Philosophie. Der Ort lag verkehrsgünstig an einer Hauptstraße zwischen Rom und Athen. Viele Römer und Griechen besuchten seine Schule, darunter Hadrian, der Kaiser Roms von 117-138. Auch Lucius Flavianus Arrianus Xenophon, kurz Arrian, hörte die Lehre Epiktets.
Das philosophische Erbe Epiktets
Es ist Kaiser Lucius Flavius Arrianus, kurz Arrian (85–90, † nach 145/146) zu verdanken, dass die Lehre Epiktets erhalteh geblieben ist. Denn wie einst Sokrates hat auch Epiktet selbst nichts Schriftliches hinterlassen. Arrian hörte die Vorlesungen Epiktets und stellte die Unterredungen (Diatribai) und das Handbüchlein der Moral (Encheiridion) zusammen. Das Handbüchlein wurde sehr populär. Marc Aurel (121-180), der Stoiker auf dem Kaiserthron, hat sich bei der Verfassung seiner Memoiren von Epiktet inspirieren lassen.
Der Mensch Epiktet
Über den Menschen Epiktet ist nur wenig überliefert. Wahrscheinlich litt er an einer Lähmung, verursacht entweder durch die Grausamkeit seines Herrn Epaphroditus oder an einer rheumatische Erkrankung. Was außerdem überliefert wurde: Epiktet führte ein sehr einfaches Leben führte, heiratete in hohem Alter und nahm ein Waisenkind auf.
Aus dem Handbüchlein der Moral
„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen. So ist zum Beispiel der Tod nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so erschienen; sondern die Meinung von dem Tod, daß er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche. Wenn wir nun auf Hindernisse stoßen, oder beunruhigt, oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst, das heißt: unsere eigenen Meinungen. Sache des Unwissenden ist es, andere wegen seines Mißgeschicks anzuklagen; Sache des Anfängers in der Weisheit, sich selbst anzuklagen; Sache des Weisen, weder einen andern, noch sich selbst anzuklagen.“
Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen.
Epiktet
„Sei auf keinen fremden Vorzug stolz. Wenn das Pferd sich stolz erhebend spräche: wie schön bin ich! so könnte man sich das gefallen lassen. Wenn aber du selbst voll Stolz sprächest: welch ein schönes Pferd habe ich! so wisse, daß du auf die Vorzüge deines Pferdes stolz bist. Was ist nun aber dein? Der Gebrauch deiner Vorstellungen! Wenn du also von deinen Vorstellungen einen naturgemäßen Gebrauch machst, dann magst du stolz sein; denn alsdann bist du stolz auf einen Vorzug, der dir gehört.“

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