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Marc Aurel: Selbstbetrachtungen

Selbstbetrachtungen

Auszug aus dem VIII. Buch, in dem der römische Stoiker Marc Aurel das mühselige Leben der Feldherrn Alexander und Cäsar mit dem der Philosophen Diogenes und Heraklit vergleicht und zu einem nüchternen Ergebnis kommt - auch die großen Philosophen sind sterblich:


Stoauch dies bewahrt dich vor eitler Ruhmsucht, dass du nicht dein ganzes Leben, zumal nicht von Jugend auf, hast hinbringen können, wie es einem Philosophen geziemt, sondern vielen anderen, wie dir selbst, als ein Mensch erschienen bist, der weit von der Philosophie entfernt ist.

Ein Makel also hängt dir an, und es ist dir mithin nicht mehr leicht, den Ruhm eines Philosophen zu gewinnen. Aber auch deine Lebensstellung ist dir dabei hinderlich. Wofern du nun in Wahrheit eingesehen hast, worin die Hauptsache liegt, so laß einmal allen Dünkel fahren und dann begnüge dich damit, den etwaigen Rest deines Lebens dem Willen der Natur gemäß hinzubringen.

Erwäge demnach, was sie fordert und lass dich durch nichts davon abbringen. Du hast ja manches versucht, bist unter so vielen Dingen umhergeirrt und hast doch nirgends das Glück des Lebens gefunden. Nicht in Vernunftschlüssen, nicht im Reichtum, nicht im Ansehen, nicht im Sinnengenusse, nirgends. Wo ist es denn nun wirklich? Da, wo man tut, was die Menschennatur erheischt.

Aber wie läßt sich das tun? Wenn man seine Bestrebungen und Handlungen aus Grundsätzen entspringen läßt. Was sind das für Grundsätze? Solche, die sich auf Güter und Übel beziehen und nach denen nichts für den Menschen ein Gut ist, was ihn nicht gerecht, besonnen, mannhaft, freigesinnt macht, und ebenso nichts ein Übel, was nicht das Gegenteil von dem Gesagten hervorbringt.

II.

Bei allem, was du tust, frage dich selbst: Wie steht es eigentlich für mich damit? Werde ich es zu bereuen haben? Über ein kleines, und ich bin tot, und alles ist dahin. Was kann ich aber mehr verlangen, wenn meine gegenwärtige Weise zu handeln die eines vernünftigen und geselligen Wesens ist, das mit der Gottheit unter gleichen Gesetzen steht?

III.

Alexander, Cäsar und Pompejus, was sind sie gegen einen Diogenes, Heraklit und Sokrates? Die letzteren erkannten die Dinge, ihre wirkenden Kräfte und ihre Bestandteile, und waren immer in gleicher Seelenruhe. Bei jenen aber, welche Besorgnis vor so vielem und welch knechtische Abhängigkeit von wie vielem!

IV.

Und wenn du gleich platzen solltest, sie werden trotzdem ebenso handeln.

StoaAnmerkung: Hier zeigt sich der sonst eher strenge moralisierende Philosoph einmal von seiner ironischen, ja fast schon kynischen, ("zynischen") Seite. Alles Hadern und Tun ist letztlich sinnlos. 

V.

Vor allen Dingen lass dich nicht beunruhigen; alles geht ja doch so, wie es der Natur des Ganzen gemäß ist. Noch eine kurze Zeit – und du wirst nicht mehr sein, so wenig wie Hadrian und Augustus. Demnächst fasse deine Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und erinnere dich dessen, daß du ein guter Mensch sein sollst, und was die Natur des Menschen von dir fordert, das tue unverrückt und rede auch nur, was dir als durchaus gerecht erscheint, aber immer auf eine bescheidene, ruhige und ungeheuchelte Weise.

VI.

Die Natur ist immer geschäftig, die vorhandenen Dinge von einer Stelle zur andern zu versetzen, sie umzuwandeln, sie von hier wegzunehmen und dorthin zu verpflanzen. Alles wechselnd und doch auch an gleiche Gesetze gebunden! Alles gewöhnlich! Man darf also nichts Ungewöhnliches befürchten.

VII.

Jedes Naturwesen ist zufrieden, wenn es ihm wohl ergeht. Einem vernünftigen Wesen geht es aber wohl, wenn es in die Reihe seiner Vorstellungen nichts Unwahres oder Ungewisses aufnimmt, seine Triebe nur auf gemeinnützige Handlungen richtet, seine Neigungen und Abneigungen allein auf das lenkt, was von uns selbst abhängig ist, und jedes von der Gesamtnatur ihm zugeteilte Los mit Wohlgefallen aufnimmt.

Ist es ja doch ein Teil von ihr, wie das Blatt ein Teil von der Pflanze ist, mit dem Unterschied jedoch, daß das Blatt ein Teil von einer empfindungsleeren, vernunftlosen, Hindernissen unterworfenen Natur ist, die Menschennatur dagegen ein Teil einer über alle Hindernisse erhabenen, vernünftigen und gerechten Natur, insofern sie jedem Wesen nach Maßgabe seines Wertes gleichen Anteil an Dauer, Stoff, Kraft, Wirksamkeit und Begegnissen verleiht. Zu dem Ende vergleiche nicht die einzelnen Eigenschaften der Wesen miteinander, sondern vielmehr das Ganze einer Gattung mit dem Ganzen einer andern.

VIII.

Wenn es dir nicht vergönnt ist zu lesen, so ist dir's doch vergönnt, Schändliches von dir abzuwenden; vergönnt, Lust und Schmerz zu bemeistern; vergönnt, dich über eitle Ruhmsucht erhaben zu zeigen; vergönnt, gefühllosen und undankbaren Menschen nicht zu zürnen, noch mehr, ihnen Gutes zu erweisen.

IX.

Niemand höre von dir, eine Beschwerde über das Hofleben oder über dein eigenes Leben.

X.

Die Reue ist eine Art Selbststrafe, weil man sich etwas Nützliches hat entgehen lassen. Das Gute aber ist notwendigerweise nützlich, und deshalb muß der gute und edle Mann sich darum kümmern. Dagegen hat es ein guter und edler Mann wohl noch nie bereut, daß er sich ein Vergnügen hat entgehen lassen. Mithin ist die Sinnenlust weder etwas Nützliches noch auch ein Gut.

XI.

Dieser Gegenstand hier, was ist er an und für sich nach seiner eigentümlichen Beschaffenheit? Was ist er seinem Wesen und seinem Stoffe nach? Welches ist seine wirkende Kraft? Was tut er in der Welt, und wie lange dauert er fort?

XII.

Stoaooft du dich ungern dem Schlaf entreißest, denke daran, daß die Ausübung gemeinnütziger Handlungen sowohl deine Pflicht als deiner Menschennatur gemäß ist, das Schlafen aber hast du sogar mit den vernunftlosen Tieren gemein. Was aber der Natur eines jeden Wesens gemäß ist, das ist ihm entsprechender, angemessener, ja sogar auch angenehmer.

XIII.

Jederzeit und womöglich bei jeder Vorstellung mußt du die Lehren der Physik, der Ethik, der Dialektik in Anwendung bringen. Die Stoiker teilten die Philosophie gewöhnlich in drei Teile ein: Physik, d. h. Studium nach Wesen und Beschaffenheit, Ethik, d. h. nach dem sittlichen Wert, Dialektik, d. h. zur richtigen Beurteilung.

Stoaenn du mit jemandem verkehrst, lege dir sogleich die Frage vor: Welche Grundsätze hat er von dem Guten und von dem Bösen? Denn je nach den Ansichten, die er von Lust und Schmerz und den Ursachen beider, von Ehre und Unehre, Tod und Leben hegt, kann es mich nicht wundern noch befremden, wenn er so und so handelt. Vielmehr will ich dabei bedenken, daß er gezwungen ist, so zu handeln.

Marc Aurel

Marc Aurel

Marc Aurel
Bildvorlage aus Wikipedia

XV.

Denke daran, dass es ebenso schimpflich ist, darüber sein Befremden zu äußern, daß die Welt das hervorbringt, wozu sie in sich die Keime hat, als darüber, daß der Feigenbaum Feigen trägt. Wäre es doch auch für einen Arzt und einen Steuermann schimpflich, wenn jener über einen Fieberkranken und dieser über einen Gegenwind sein Befremden äußern wollte.

XVI.

Bedenke, dass du nicht gegen deine Freiheit handelst, wenn du deine Meinung änderst und dem, der sie berichtigt, nachgibst. Denn auch dann vollzieht sich deine Tätigkeit nach deinem Willen und Urteil und sogar auch nach deinem Sinn.

XVII.

Rührt ein Übel von dir selbst her, warum tust du's? Kommt es von einem andern, wem machst du Vorwürfe? Etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber; kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck soll man nichts tun.

XVIII.

Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt. Wenn es nun hier bleibt, so verwandelt es sich auch hier und wird in seine Grundstoffe aufgelöst, die es mit der Welt und mit dir gemeinsam hat. Auch die Elemente selbst verwandeln sich und murren nicht.

XIX.

Jedes Wesen, Zum Beispiel ein Pferd, ein Weinstock, ist zu irgendeinem Zwecke da. Was Wunder? Auch die Sonne wird dir sagen: Ich bin zu einer Wirksamkeit entstanden, und so auch die übrigen Götter Die Stoiker erblicken in den Gestirnen lebendige, göttliche Wesen. Zu was bist du nun da? Etwa zu sinnlichen Freuden? Sieh doch einmal zu, ob der gesunde Menschenverstand eine solche Behauptung zuläßt.

XX.

Die Natur nimmt auf jedes Wesen Rücksicht, und zwar nicht minder auf sein Ende als auf seinen Anfang und seine Fortdauer, so wie der, der den Ball in die Höhe wirft, auf ihn Achtung gibt. Was widerfährt nun dem Balle Gutes, wenn er hochgeworfen wird, und was für ein Übel, wenn er herunterkommt oder zu Boden fällt? Was für eine Wohltat der Wasserblase, wenn sie zusammenhält, oder was für ein Leid, wenn sie zerplatzt? Ebenso ließe sich in betreff eines Lichtes fragen. So ist auch Leben und Tod an sich gleichgültig.

XXI.

Kehre einmal das Innere deines Körpers um wie ein Kleid und schau, wie er inwendig beschaffen ist und was er sein wird, wenn Alter, Krankheit und Ausschweifung ihn aufreiben! Von kurzer Lebensdauer ist sowohl der, welcher lobt, als der, welcher gelobt wird, der, welcher eines andern gedenkt und der, dessen gedacht wird. Und zudem nur in einem Winkel dieses Erdstriches geschieht es, und selbst hier stimmen nicht alle miteinander, ja der einzelne stimmt nicht einmal mit sich selbst überein. Nun ist aber die ganze Erde nur ein Punkt.

XXII.

Habe jedesmal acht auf das, um was es sich handelt, auf das, was du denkst, was du tust, auf den Sinn der Worte, die du aussprichst. Sonst geschieht dir eben recht. Du willst lieber morgen erst gut werden als es heute schon sein.

XXIII.

Bin ich tätig, so bin ich es mit Rücksicht auf das Menschenwohl; widerfährt mir etwas, so nehme ich es hin und beziehe es auf die Götter und den allgemeinen Urquell, von dem alle Ereignisse miteninander verbunden herfließen.

XIV.

Was siehst du beim Baden? Öl, Schweiß, Schmutz, klebriges Wasser – lauter widerliche Dinge. Von eben der Art ist jeder Teil des Lebens und alles, was darin vorkommt.

XV.

Stoaucilla, Marc Aurels Tochter und Gemahlin seines Mitregenten Verus, sah den Verus sterben, nachher starb auch Lucilla Secunda den Maximus, Lehrer Marc Aurels, im ersten Buch erwähnt. Und dann folgte Secunda ihm, Epitynchanus den Diotimus, und bald folgte Epitynchanus diesem. Faustina Faustina, die Gemahlin des Kaisers, starb vor Antoninus und dann Antoninus selbst, Hadrian vor Celer, ein griechischer Rhetor, Lehrer Marc Aurels. Und dann starb auch Celer. So ging´s mit allen. Jene Scharfsinnigen, jene Seher oder jene aufgeblasenen Leute – wo sind sie? Wo sind zum Beispiel die scharfsinnigen Männer Charax, Demetrius der Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alles Eintagsgeschöpfe und nun längst schon tot. Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten; andere Namen aber wurden zur Fabel, andere wiederum sind bereits auch aus der Reihe dieser verschwunden. Denke also daran, dass auch dein Körpergewebe sich auflösen, dein Geist verlöschen oder fortwandern oder anderswohin sich versetzen lassen muss.

XVI.

Es gewährt dem Menschen Freude, wahrhaft menschlich zu handeln. Wahrhaft menschlich aber ist das Wohlwollen gegen seinesgleichen, Verachtung der Sinnenreize, Unterscheidung bestechender Vorstellungen, Betrachtung der Natur und ihrer Wirkungen.

XXVII.

Stoaer Mensch steht in drei Beziehungen: erstens zu der ihn umgebenden körperlichen Hülle, zweitens zum göttlichen Ursprung, von dem alles herrührt, was uns begegnet, drittens zu seinen Zeitgenossen. Daraus folgen die Pflichten gegen uns selbst, gegen Gott und gegen unsere Nebenmenschen.

Selbstbetrachtungen. Erstes Buch
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