Philosophie der Stoa
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Die Ethik der Stoa

Die Anthropologie der Stoa

Stoaie ethischen Grundsätze der Stoiker basieren auf einer Anthropologie, einer bestimmten Sichtweise vom Menschen. Nach ihrer Lehre gibt es eine Unterscheidung in Physis (Körper) Psyche (Seele) und Ratio oder Logos (Weltvernunft). Natürlich kann man diese nicht mit dem Seziermesser trennen, bilden sie doch einen Mikrokosmos, ein Abbild der großen, gesamten der Welt - im einzelnen Menschen.

Auf diesen Mikrokosmos wirken nun die Triebe ein, Affekte, die sich im Menschen Platz schaffen und zu falschen, nicht der Vernunft gemäßen Urteilen führen. Begierde, Lust, Schmerz, Gier, sie alle verhindern den Blick auf das Wesentliche, nämlich die Welt, den Logos, der von den Göttern gestiftet wurde. Epiktet drückte dies so aus:

"Nicht die Dinge selbst verwirren den Menschen, sondern seine Meinungen über die Dinge. Nicht der Tod selbst ist schrecklich, erschien der doch Sokrates auch nicht so, sondern die Vorstellung von dem Tode ist es."

Der echte Philosoph lässt sich nicht von seinen Affekten leiten, sondern von den Tugenden. Er setzt die Einsicht in den Lauf der Welt vor sein Wunschdenken, den rechten, begründeten Willen vor die Begierde, die Vorsicht vor die Tollkühnheit, und die Freude vor die Lust. 

Die stoische Ethik der Harmonie mit der Natur 

Stoait sich selbst im Reinen zu sein, ist das Ziel des Menschen, das ihm innere Befriedigung und Glück bringen kann. Diese Harmonie erlangt er nur in Übereinstimmung mit der Natur (Secundum Naturam Vivere). Wie aber ist diese Natur beschaffen? Chrysipp unterscheidet das Vernunftlose und das Vernünftige. Das Vernunftlose gehorcht der ewigen Notwendigkeit aus ehernem Zwange, das Vernünftige aber fügt sich dem Logos aus freier Selbstbestimmung.

Ziel des vernünftigen Menschen ist es, aufzugehen im Allgemeinen. Der Natur gemäß heißt demnach: der sich selbst bestimmenden Vernunft gemäß leben; der Entschluss dazu folgt aus freier Wahl.


Stoatoiker sind zwar Menschen mit einem starken Willen, gleichwohl aber keine typischen "Macher". Zu groß ist ihre Furcht vor dem unüberlegten Handeln. Die Messlatte für vernünftiges Handeln aber liegt hoch, jedenfalls nach den Vorstellungen des römischen Stoikers Seneca:


"Der Weise bereut nie sein Tun, er ändert nie, was er getan hat, er wechselt nie seinen Entschluss."

Zudem weiß er um die begrenzten Möglichkeiten seines Tuns. Die Haltung eines Stoikers ist eine stetige Gratwanderung. Zwar ist er davon überzeugt, dass alle Menschen den gleichen Anteil am göttlichen Logos besitzen, und daher die Sklaverei gegen die Natur ist. Sein persönliches Schicksal wird er trotzdem als Sklave eher ertragen bekämpfen: "Wenn du einwilligst, führt dich das Schicksal, wenn nicht, zwingt es dich." (Seneca) Die Stoa erkennt und benennt zwar die Welt und die Torheiten der Menschen, revolutionär ist sie aber eher im Denken als in der Praxis.




Praktische Ethik

Stoa er deutsche Philosoph Karl Vorländer beschreibt, wie die Stoiker ihre ethischen Ideale in die Lebenspraxis umzusetzen versuchten. Dabei unterstellt er, ganz in seiner Rolle als deutscher Gymnasialprofessor, der Stoa 'methodische Schwäche', und interpretiert einen von der Stoa ausgehenden 'strengen Pflichtgedanken':

"Die Autarkie der Tugend ist das positive Ideal des Weisen. Ihr negativer Ausdruck ist die völlige Ausschaltung der Gefühle in der Apathie, d.h. der Freiheit von den Leidenschaften: Lust, Begierde, Trauer und Furcht, die als unvernönftige Regungen der Seele zu bekämpfen sind. Aus der Grundtugend - nach Zenon der Einsicht, nach Kleanthes der Seelenstärke, seit Chrysipp der Weisheit - gehen die drei übrigen Kardinaltugenden hervor, die sich dann noch in eine Anzahl von Untertugenden gliedern, und denen als die vier Kardinallaster ihre Gegensätze: die Unwissenheit, Feigheit, Zuchtlosigkeit und Ungerechtigkeit (mit weiteren Unterlastern) gegenübergestellt werden. Der Mensch besitzt entweder alle Tugenden oder gar keine. Es gibt nur Weise oder Wackere auf der einen, Toren oder Schlechte auf der anderen Seite. Der Uebergang vom Bösen zum Guten ist demnach auch ein plötzlicher, eine Art Wiedergeburt (Kant: Revolution der Denkungsart). Was weder gut noch böse ist, ist gleichgültig. In stärkster Gegnerschaft zu Aristoteles und seiner Schule werden die sogenannten, äußeren Güter wie Ehre, Besitz, Gesundheit, ja selbst das Leben als gleichgültige Dinge (adiaphora) behandelt. Das einzige Uebel ist die Schlechtigkeit, das einzige Gut die Tugend. Der Weise allein ist frei, reich, glücklich, ein wahrer König, ja den Göttern gleich, der Tor dagegen elend, unwissend, ein Bettler, ja ein Verrückter. In einer Hinsicht übertrifft der Weise sogar noch die Gottheit: er kann seine Seelenstärke im Dulden der Uebel beweisen, Gott nicht.


Der überforderte stoische Weise

Stoa a nun aber solche Musterweisen tatsächlich nicht oder doch höchst selten, in einem Sokrates, Antisthenes, Diogenes und - Herakles! zu finden waren, so sahen sich die Stoiker in der Praxis denn doch zu manchen Inkonsequenzen bzw. Milderungen dieses schroffen Standpunkts genötigt. Dahin gehört, dass schließlich doch mehr oder weniger wünschenswerte Dinge, z.B. geistige oder körperliche Vorzüge, zugestanden, dass zwischen den Toren und Weisen die 'Fortschreitenden', und zwar mit immer größerer Annäherung an die Weisen, eingeschoben, dass die Einflüsse zeitlicher und persönlicher Verhältnisse mit in Betracht gezogen werden. Besonders stark zeigte sich die Stoa (freilich, wie es scheint, mehr die spätere) in moralischer Kasuistik d. i. in der Aufstellung und Entscheidung von Fällen, wo eine Kollision der Pflichten eintritt; Beispiele genug bietet u. a. Cicero, De officiis. Auch der individual-ethische Standpunkt konnte nicht in voller Starrheit festgehalten werden. Bei aller 'Selbstgenügsamkeit' der Tugend wurde doch betont, dass der Mensch um der Gemeinschaft, um des großen Ganzen willen da sei, dass alle Vernunftwesen einander von Natur verwandt seien.


Der Stoiker als Kosmopolit

So werden Freundschaft, Ehe, Staat nicht verworfen, sofern sie sittlich gestaltet oder zu gestalten sind. Da aber in allen Menschen eine und dieselbe Vernunft lebt, so kann es im Grunde nur ein Gesetz, ein Recht, einen Staat geben. Alle Menschen sind Brüder, der wahre Stoiker ist demnach Weltbürger. So hat sich die aristotelische Politik jetzt zum Kosmopolitismus erweitert, der freilich bei der älteren Stoa noch recht kalt und leer erscheint und sich erst in der Stoa der Kaiserzeit mit (religiöser) Wärme erfüllt. Zenon selbst hat das Ideal eines Weltstaats entworfen, in dem keine Gerichtshöfe, Tempel, Gymnasien und Tauschmittel mehr nötig sind (vgl. Pöhlmann a. a. O. S. 610-618). Und die stoische Lehre vom 'Naturrecht' hat jahrhundertelang das europäische Denken beherrscht. Der Begründung der stoischen Ethik auf so dehnbare Begriffe wie Selbsterhaltungstrieb und Naturgemaeßheit, ihren Mangel an Erkenntnistheorie, ihre mancherlei Inkonsequenzen, zu denen auch die sittlich bedenkliche Unterscheidung zwischen dem bloß Angemessenen und dem unbedingt Gebotenen gehört, kurzum ihren methodischen Schwächen steht jedenfalls ein auch philosophisch nicht gering anzuschlagendes Verdienst gegenüber: den Pflichtgedanken zum erstenmal philosophisch mit erhebender Kraft und Strenge gepredigt und den Gedanken in voller Reinheit betont zu haben, dass die vollkommene Pflichterfüllung in der rechten Gesinnung besteht."

Zitiert, leicht angepasst und mit Zwischenüberschriften versehen, nach Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie (1903). Siehe auch Bonhöffer: Die Ethik des Stoikers Epiktet, Stuttgart 1894.

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